Im Dialog mit dem Bundespräsidenten 2026

Brief an den Bundespräsidenten 2026

Ein erneuter Hilferuf aus der Zivilgesellschaft – zur Erschöpfung demokratischer Kommunikationsräume

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,

wir wenden uns erneut an Sie – bewusst persönlich und in der Kontinuität früherer Kontakte mit dem Bundespräsidialamt in den Jahren 2018 und 2022. Damals haben wir für unsere zivilgesellschaftliche Arbeit Anerkennung, Aufmerksamkeit und Ermutigung erfahren, auch wenn daraus keine konkrete Zusammenarbeit entstanden ist. Diese Rückmeldungen haben uns getragen und bestärkt, unseren ehrenamtlichen Einsatz fortzusetzen und weiterzudenken.

Seit inzwischen über zehn Jahren arbeiten wir in ostdeutschen Regionen zivilgesellschaftlich, dialogisch und gemeinwohlorientiert. Was wir aktuell erleben, unterscheidet sich jedoch deutlich von früheren Phasen gesellschaftlicher Spannung. Es geht weniger um punktuelle Polarisierung als um eine spürbare Erschöpfung demokratischer Kommunikationsräume.

Ihre jüngste Silvesteransprache hat uns bewegt. Der Gedanke von Gemeinschaft und das Bild, dass „in der Dunkelheit ein Licht erstrahlt“, haben Kraft. Zugleich möchten wir offen benennen: Im ostdeutschen Hinterland, in dem wir tätig sind, wird gegenwärtig vor allem eines erlebt – zunehmende Dunkelheit. Nicht als Mangel an gutem Willen, sondern als alltägliche Erfahrung von Rückzug, Sprachlosigkeit und Müdigkeit. Licht fehlt dort nicht wegen fehlender Worte, sondern wegen fehlender tragfähiger kommunikativer Zirkulation.

Aus dieser Sorge heraus haben wir in den letzten Wochen eine Reihe von Kommentaren veröffentlicht, die wir als kommunikationsanalytische und gesellschaftliche Weckrufe verstehen:

Diese Beiträge sind unser Beitrag zur Verständigung über strukturelle und kommunikative Dynamiken in der aktuellen politischen Landschaft. Sie markieren keine parteipolitische Positionierung, sondern einen analytischen Versuch, Entwicklungen zu benennen, bevor sie sich verfestigen.

Besonders dort, wo politische Kräfte dauerhaft um die 40 Prozent erreichen, gerät das demokratische Gefüge an eine Belastungsgrenze. Widerspruch wird riskant, Rückzug rational, Schweigen zur Selbstschutzstrategie. Demokratie droht hier nicht abrupt zu scheitern, sondern schleichend zu ermüden.

Aus dieser Erfahrung heraus haben wir ein Modell eines demokratischen Kommunikationsökosystems entwickelt, das wir diesem Schreiben als Anlage beifügen. Es begreift Demokratie als Zusammenspiel begrenzter kommunikativer Ressourcen – und betont insbesondere die Rückkehrfähigkeit als zentrale Stärke: die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, sich zu verirren, Zweifel zu haben – und dennoch wieder Anschluss an demokratisches Denken und Fühlen zu finden. Diese Fähigkeit zur Regeneration und Zirkulation ist aus unserer Sicht eine bislang unterschätzte demokratische Ressource.  Das Modell versteht sich ausdrücklich nicht als abgeschlossen, sondern als Einladung zur fachlichen Rückmeldung und Weiterentwicklung.

Wir sind überzeugt, dass politische Kommunikation allein diese Aufgabe nicht mehr tragen kann. Es braucht glaubwürdige, nicht parteipolitisch gebundene Kommunikatoren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, die jeweils ihre eigenen Resonanzräume erreichen – Menschen, die verbinden, übersetzen und Mut wecken können, ohne zu überfordern.

Ihr Gedanke vom „Funken Mut“ lässt sich hier anschließen: Mut entsteht dort, wo Menschen nicht permanent exponiert sind, sondern sich getragen fühlen. Doch ohne Regeneration droht selbst dieser Funke zu verlöschen.

Wir schreiben Ihnen nicht aus Kritik, sondern aus Sorge – und als Hilferuf. Sollten Sie in diesem Ansatz Anknüpfungspunkte sehen, wären wir sehr dankbar für die Möglichkeit eines direkten Austauschs.

Mit großem Respekt und freundlichen Grüßen

Vorstand UferLeben Störmthaler See e.V.

Antwort des Bundespräsidenten