Die Gemeinde Großpösna hat den Bebauungsplan „Östlich Grunaer Bucht“ am 29.05.2026 rechtswirksam bekannt gemacht. Die ersten Ausschreibungen für Baumaßnahmen sind veröffentlicht, der Baubeginn rückt damit näher. Geplant sind zunächst ein inklusiver Campingplatz und eine Einrichtung der Eingliederungshilfe (Jugendwohngruppen). Perspektivisch ist außerdem ein universitäres Wassersportzentrum vorgesehen. UferLeben hat sich in den vergangenen Jahren intensiv in den Planungsprozess eingebracht – u. a. mit einer Petition, Demonstrationen, Beteiligungsverfahren, Offenen Briefen, Kunstaktionen und über 30 Medienbeiträgen. Unser Ziel war insbesondere die Prüfung eines alternativen Standorts sowie der Erhalt der Kfz-Freiheit Östlich Grunaer Bucht.
Wir wollten erfahren, wie die aktuelle Stimmung im nächstgelegenen Ort, Dreiskau-Muckern, zu diesem Projekt ist und ob sich ein weiteres Engagement lohnt. Die Umfrage war anonym.
Methode und Stichprobe
Zur Einholung eines lokalen Stimmungsbildes wurde vom 29. Juni bis 8. Juli 2026 eine anonyme Online-Umfrage über das Beteiligungstool Ferendum in der einzigen ortsweiten Dorf-Chatgruppe durchgeführt. Die Chatgruppe umfasst 179 Mitglieder bei rund 500 Einwohnern des Ortsteils und steht allen Interessierten offen; sie ist weder einer politischen Partei noch einem Verein oder einer Initiative zugeordnet. Die Teilnahme war freiwillig. Insgesamt wurden 92 Stimmen abgegeben, was rund 51 % der Gruppenmitglieder entspricht. Aufgrund der freiwilligen Teilnahme (Selbstselektion) erhebt die Umfrage keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität. Sie vermittelt jedoch ein belastbares Stimmungsbild der erreichten lokalen Community.
Ergebnis
An der Umfrage beteiligten sich 92 Personen. Eine deutliche Mehrheit von 55 Teilnehmenden (59,8 %) lehnte die Planungen für das Gebiet „Östliche Grunaer Bucht“ ab. 17 Personen (18,5 %) gaben an, die Planungen kritisch zu sehen. 10 Teilnehmende (10,9 %) unterstützten die Planungen der Gemeinde, während 8 Personen (8,7 %) unentschlossen waren bzw. gemischte Gefühle äußerten. 2 Teilnehmende (2,2 %) gaben an, dass sie das Thema nicht interessiere.
Zusammengenommen äußerten sich damit 72 von 92 Teilnehmenden (78 %) ablehnend oder kritisch gegenüber den Planungen, während 11 % diese unterstützten.

Vorbereitung Offener Brief
Hier der Entwurf eines Offenen Briefes – Ihr könnt uns gern Eure Anmerkungen unter info@uferleben.de zur Ergänzung und Optimierung zukommen lassen. Wir wollen den Brief vor Übergabe an Gemeinde, SEB und Stadt Leipzig im Zeitraum 19.-26. Juli zur Mitzeichnung auslegen und freuen uns auf Eure Teilnahme.
Entwurf Offener Brief:
Zehn Jahre Bürgerbeteiligung ‚Östlich Grunaer Bucht‘ – Was bleibt?
Mit der rechtswirksamen Veröffentlichung des Bebauungsplans „Östlich Grunaer Bucht“ am 29. Mai 2026 sowie den inzwischen begonnenen Ausschreibungen und Vergaben erster Bauleistungen endet ein nahezu zehnjähriger Planungs- und Beteiligungsprozess.
Für uns ist das heute Anlass, zurückzublicken. Den Bebauungsplan stellen wir heute nicht noch einmal grundsätzlich infrage. Diese Entscheidung ist gefallen. Uns beschäftigt inzwischen die Frage: Was können wir aus diesen zehn Jahren eigentlich lernen?
Wir schreiben diesen Brief als UferLeben Störmthaler See e. V. – ein Verein, der sich seit 2017 für eine naturverträgliche Entwicklung des Störmthaler Sees engagiert und den gesamten Beteiligungsprozess von Beginn an aktiv begleitet hat.
Beteiligung – erst emotional, später sachlich und kreativ
Als 2016 die erste Machbarkeitsstudie „Gemeinsam am See“ für einen Inklusionscampingplatz vorgestellt wurde, bestand in der Bevölkerung von Beginn an der Wunsch, die Entwicklung aktiv mitzugestalten. Es gab auch emotionale, manchmal hitzige Debatten. Die Gemeinde reagierte darauf mit der Einrichtung eines Projektbeirates.
Das war zunächst ein wichtiges Signal.
Die von uns wahrgenommene strukturelle Schwäche dieses Gremiums wurde jedoch nie wirklich anerkannt. Von 17 Mitgliedern gehörten 9 unmittelbar zum Projektumfeld oder den Vorhabenträgern, 6 waren kommunalpolitische Vertreter, 3 wurden aus der Bürgerschaft ausgelost und lediglich 1 Vertreter stammte aus dem Naturschutz. Anerkannte Naturschutzverbände oder die Untere Naturschutzbehörde waren nicht vertreten. Damit war die Gewichtung unterschiedlicher Interessen von Beginn an unausgewogen.
Trotzdem haben wir versucht, den Prozess konstruktiv zu begleiten.
In den vergangenen Jahren beteiligten wir uns an Bürgerdialogen, Projektbeiratssitzungen und formellen Beteiligungsverfahren. Wir haben Gespräche geführt, Demonstrationen organisiert, eine Petition mit mehr als 4.700 Unterstützern eingebracht, Stellungnahmen geschrieben, offene Briefe verfasst.
Und wir haben versucht, Beteiligung nicht nur als Widerspruch und Formalität, sondern auch als kreative Einladung zu verstehen. Wir haben Schilfvorkommen am gesamten See vom Boot aus kartiert. Wir haben Arten beobachtet, Biotope dokumentiert und daraus Standortalternativen abgeleitet. Mit der Aktion „Dilämma im Rathaus“ zog ein Lämmerpaar zur Akteneinsicht ins Rathaus Großpösna ein – stellvertretend für jene Tiere, die von der Planung betroffen sind, aber keine Stellungnahme schreiben können.
Das mag für Sie ungewöhnlich gewesen sein, aber es hat sichtbar gemacht, worum es eigentlich geht. Unser Ziel war nie die Verhinderung eines inklusiven Campingplatzes, vielmehr eine Lösung, die Natur- und Artenschutz sowie touristische Entwicklung verbindet.
Auch unsere Position hat sich im Laufe des Verfahrens verändert. Nachdem deutlich wurde, dass eine ergebnisoffene Alternativenprüfung politisch nicht mehr stattfinden würde, haben wir den vorgesehenen Standort grundsätzlich akzeptiert und uns darauf konzentriert, die Planung fachlich zu verbessern. Unsere Stellungnahmen zum Bebauungsplanverfahren enthielten konkrete Vorschläge zur Verringerung der Eingriffe in Natur und Landschaft, zur verbindlichen Sicherung des Artenschutzes sowie zur Begrenzung späterer Nutzungsintensivierungen. Gleichzeitig haben wir unsere Bereitschaft erklärt, den weiteren Prozess konstruktiv zu begleiten.
Was hat Beteiligung bewirkt?
Rückblickend fragen wir uns heute, warum dieser Beteiligungsprozess aus unserer Sicht gescheitert ist.
Der Vorhabenträger wollte das Projekt verständlicherweise umsetzen. Die Gemeindeverwaltung vermittelte den Eindruck, das Verfahren möglichst geräuschlos zum Abschluss bringen zu wollen. Der Gemeinderat schien vor allem daran interessiert, endlich Planungssicherheit zu schaffen.
Für die naturschutzfachlichen Einwände und die Argumente eines Teils der Bürgerschaft blieb aus unserer Sicht zu wenig Raum. Sie wurden angehört, dokumentiert und abgewogen – konnten den grundlegenden Kurs des Verfahrens jedoch nicht beeinflussen.
Und genau an diesem Punkt hat die Bürgerbeteiligung ihre eigentliche Wirkung verloren – es bestand durchweg der Eindruck, dass alle wesentlichen Entscheidungen bereits getroffen waren.
Sogar wuchs der Projektumfang von ursprünglich drei bis sechs Millionen Euro auf inzwischen über 30 Millionen Euro. So entstand bei vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck, dass ihre Einflussmöglichkeiten immer kleiner wurden. Zahlreiche Menschen, die sich anfangs engagiert eingebracht hatten, haben sich inzwischen resigniert aus dem Verfahren zurückgezogen.
Auch die öffentliche Stimmung gibt Anlass zum Nachdenken. Ein aktuelles Stimmungsbild im nächstgelegenen Ort Dreiskau-Muckern ergab zuletzt nur vereinzelte Befürworter des Vorhabens, während deutlich größere Anteile desinteressiert waren oder die Planung kritisch bis ablehnend bewerteten. Wenn auch nicht repräsentativ, zeigt es dennoch deutlich, dass es in zehn Jahren nicht gelungen ist, für das Projekt ‚Gemeinsam am See‘ eine breite Identifikation im unmittelbaren Umfeld zu schaffen.
Es gibt kein „Gemeinsam am See“
Aus Beteiligung wurde Resignation. Für uns liegt darin die eigentliche Erkenntnis dieses Verfahrens.
Wir akzeptieren ausdrücklich, dass politische Gremien am Ende andere Entscheidungen treffen können als Bürgerinitiativen sie sich wünschen. Bürgerbeteiligung bedeutet nicht, dass sich jede Forderung durchsetzt. Sie scheitert jedoch dort, wo engagierte Menschen nach Jahren intensiver Mitarbeit nicht mehr erkennen können, an welcher Stelle ihre Argumente den Entscheidungsprozess überhaupt noch beeinflussen konnten.
Genau an dieser Stelle entsteht aus unserer Sicht das, was wir inzwischen als ‚demokratischen Burnout‘ bezeichnen: Menschen bringen Zeit, Fachwissen und ehrenamtliches Engagement ein, erleben aber über Jahre hinweg, dass die grundlegende Richtung großer Vorhaben unverändert bleibt. Die Folge ist Resignation. Und diese Resignation gefährdet das Vertrauen in demokratische Verfahren weit über das einzelne Projekt hinaus.
Wir werfen niemandem bösen Willen vor. Wir werfen dem Verfahren vor, dass es den Eindruck vermittelt hat, Beteiligung sei möglich, obwohl die wesentlichen Leitentscheidungen längst gefallen waren.
Wie geht es weiter?
Wir schreiben diesen Brief nicht, weil wir glauben, den Bebauungsplan noch verändern zu können. Dafür ist es zu spät. Wir schreiben ihn, weil wir nicht möchten, dass zukünftige Beteiligungsverfahren dieselben Erfahrungen hervorbringen – nicht in Großpösna, nicht im Leipziger Neuseenland, nicht in Deutschland.
Deshalb wünschen wir uns eine unabhängige Auswertung dieses Prozesses – nicht, um Verantwortliche zu suchen, sondern um aus zehn Jahren Bürgerbeteiligung zu lernen.
Gleichzeitig nehmen wir mit Interesse wahr, dass der Bürgermeister signalisiert hat, den Dialog wieder aufnehmen zu wollen.
Dreiskau-Muckern, Juli 2026