Offener Brief
von UferLeben Störmthaler See e. V. – Juli 2026
an die Gemeindeverwaltung & den Gemeinderat von Großpösna
an den Städtischen Eigenbetrieb Behindertenhilfe & seine Stadt Leipzig
an das Landratsamt des Landkreis Leipzig, an die Sächsische Landesregierung
an den Bundespräsidenten
Zehn Jahre Bürgerbeteiligung „Östlich Grunaer Bucht“ – Was bleibt?
Mit der rechtswirksamen Veröffentlichung des Bebauungsplans „Östlich Grunaer Bucht“ am 29. Mai 2026 sowie den inzwischen begonnenen Ausschreibungen und Vergaben erster Bauleistungen endet ein nahezu zehnjähriger Planungs- und Beteiligungsprozess.
Für uns ist das heute Anlass, zurückzublicken. Den Bebauungsplan stellen wir heute nicht noch einmal grundsätzlich infrage. Diese Entscheidung ist gefallen. Uns beschäftigt inzwischen vielmehr die Frage: Was können wir aus diesen zehn Jahren eigentlich lernen?

Beteiligung – erst emotional, später sachlich und kreativ
Als 2016 die erste Machbarkeitsstudie „Gemeinsam am See“ für einen Inklusionscampingplatz vorgestellt wurde, bestand in der Bevölkerung von Beginn an der Wunsch, die Entwicklung aktiv mitzugestalten. Es gab auch emotionale, manchmal hitzige Debatten. Die Gemeinde reagierte darauf mit der Einrichtung eines Projektbeirates.
Das war zunächst ein wichtiges Signal.
Die von uns wahrgenommene strukturelle Schwäche dieses Gremiums wurde jedoch nie wirklich anerkannt. Von 17 Mitgliedern gehörten 9 unmittelbar zum Projektumfeld oder den Vorhabenträgern, 6 waren kommunalpolitische Vertreter, 3 wurden aus der Bürgerschaft ausgelost und lediglich ein Vertreter stammte aus dem Naturschutz. Anerkannte Naturschutzverbände und Naturschutzbehörde waren nicht vertreten. Damit war die Gewichtung unterschiedlicher Interessen von Beginn an unausgewogen.
Trotzdem haben wir versucht, den Prozess konstruktiv zu begleiten.
In den vergangenen Jahren beteiligten wir uns an Bürgerdialogen und Projektbeiratssitzungen. Zu allen formellen Beteiligungsverfahren haben wir ausführlich Stellung genommen. Darüber hinaus haben wir Gespräche geführt, Demonstrationen organisiert, eine Petition mit mehr als 4.700 Unterstützern eingebracht, Stellungnahmen geschrieben, offene Briefe verfasst.
Und wir haben versucht, Beteiligung nicht nur als Widerspruch und Formalität, sondern auch als kreative Einladung zu verstehen. Wir haben Schilfvorkommen am gesamten See vom Boot aus kartiert. Wir haben Arten beobachtet, Biotope dokumentiert und daraus Standortalternativen abgeleitet. Mit der Aktion Dilämma im Rathaus zog ein Lämmerpaar mit Gundermann’s „Halte durch“ zur Akteneinsicht ins Rathaus Großpösna ein – stellvertretend für jene Tiere, die von der Planung betroffen sind, aber keine Stellungnahme schreiben können.

Im August 2022 zog ein Lämmerpaar zur Akteneinsicht und zum Protest ins Rathaus Großpösna.
Das mag für Sie ungewöhnlich gewesen sein, aber es hat sichtbar gemacht, worum es eigentlich geht. Unser Ziel war nie die Verhinderung eines inklusiven Campingplatzes, vielmehr eine Lösung, die Natur- und Artenschutz sowie touristische Entwicklung verbindet.
Auch unsere Position hat sich im Laufe des Verfahrens verändert. Nachdem deutlich wurde, dass eine ergebnisoffene Alternativenprüfung politisch nicht mehr stattfinden würde, haben wir den vorgesehenen Standort grundsätzlich akzeptiert und uns darauf konzentriert, die Planung fachlich zu verbessern. Unsere Stellungnahmen zum Bebauungsplanverfahren enthielten konkrete Vorschläge zur Verringerung der Eingriffe in Natur und Landschaft, zur verbindlichen Sicherung des Artenschutzes sowie zur Begrenzung späterer Nutzungsintensivierungen. Gleichzeitig haben wir unsere Bereitschaft erklärt, den weiteren Prozess konstruktiv zu begleiten.
Eine inhaltliche Antwort auf unsere finale Stellungnahme 02/2026, um welche die Gemeinde explizit gebeten hatte, haben wir bis heute nicht erhalten. Stattdessen wurde der Bebauungsplan nunmehr rechtswirksam veröffentlicht. Die Umsetzung hat begonnen.
Was hat unsere Beteiligung bewirkt?
Natürlich haben wir nicht erwartet, dass sich jede unserer Forderungen durchsetzt. Das wäre unrealistisch. Aber wir möchten am Ende verstehen können, was unsere Beteiligung eigentlich bewirkt hat. Genau diese Frage können wir uns nach zehn Jahren nicht beantworten.
Während der Projektumfang von ursprünglich drei bis sechs Millionen Euro auf inzwischen über 30 Millionen Euro anwuchs, entstand bei vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck, dass ihre Einflussmöglichkeiten immer kleiner wurden. Zahlreiche Menschen, die sich anfangs engagiert eingebracht hatten, haben sich inzwischen resigniert aus dem Verfahren zurückgezogen.
Auch die öffentliche Stimmung gibt Anlass zum Nachdenken. Ein aktuelles Stimmungsbild im nächstgelegenen Ort Dreiskau-Muckern ergab zuletzt nur vereinzelte Befürworter des Vorhabens, während deutlich größere Anteile desinteressiert waren oder die Planung kritisch bis ablehnend bewerteten. Wenn auch nicht repräsentativ, zeigt es dennoch deutlich, dass es in zehn Jahren nicht gelungen ist, für das Projekt „Gemeinsam am See“ eine breite Identifikation im unmittelbaren Umfeld zu schaffen.
Es gibt kein wirkliches „gemeinsam“.
Für uns liegt darin die eigentliche Erkenntnis dieses Verfahrens.
Umfrage zu Akzeptanz der Planungen „Östlich Grunaer Bucht“ – Juni 2026 – Dreiskau-Muckern
- Ich unterstütze die Planungen der Gemeinde: 10 (6 %)
- Ich bin unentschlossen bzw. habe gemischte Gefühle: 8 (4 %)
- Ich sehe die Planungen kritisch oder lehne sie ab: 72 (40 %)
- Nicht teilgenommen oder kein Interesse: 89 (50 %)
Aus Beteiligung wurde Resignation
Wir akzeptieren ausdrücklich, dass politische Gremien am Ende andere Entscheidungen treffen können als Bürgerinitiativen sie sich wünschen. Bürgerbeteiligung bedeutet nicht, dass sich jede Forderung durchsetzt. Sie scheitert jedoch dort, wo engagierte Menschen nach Jahren intensiver Mitarbeit nicht mehr erkennen können, an welcher Stelle ihre Argumente den Entscheidungsprozess überhaupt noch beeinflussen konnten.
Genau an dieser Stelle entsteht aus unserer Sicht das, was wir inzwischen als „demokratischen Burnout“ bezeichnen: Menschen bringen Zeit, Fachwissen und ehrenamtliches Engagement ein, erleben aber über Jahre hinweg, dass die grundlegende Richtung großer Vorhaben unverändert bleibt. Die Folge ist Resignation. Und diese Resignation gefährdet auf Dauer das Vertrauen in demokratische Verfahren weit über das einzelne Projekt hinaus.
Wie geht es weiter?
Wir schreiben diesen Brief nicht, weil wir glauben, den Bebauungsplan noch verändern zu können. Dafür ist es zu spät. Wir schreiben ihn, weil wir nicht möchten, dass zukünftige Beteiligungsverfahren dieselben Erfahrungen hervorbringen – in Großpösna, im Leipziger Neuseenland und darüber hinaus.
Deshalb wünschen wir uns eine unabhängige Auswertung dieses Prozesses – nicht, um Verantwortliche zu suchen, sondern um aus zehn Jahren Bürgerbeteiligung zu lernen.
Denn auch bei weiteren Vorhaben im Leipziger Neuseenland zeichnen sich aus unserer Sicht ähnliche Entwicklungen ab: die massive Molenbebauung am Kap Zwenkau sowie die geplante Schiffseisenbahn zwischen Cospudener und Zwenkauer See – beides Großprojekte mit einem Investitionsvolumen von jeweils rund 100 Millionen Euro, bei denen erneut Fragen nach der Berücksichtigung von Bevölkerung, Naturschutz und transparenter Beteiligung entstehen.
Gleichzeitig nehmen wir nach unserem zehnjährigen Engagement am Störmthaler See mit Interesse wahr, dass unser Bürgermeister signalisiert hat, den Dialog wieder aufnehmen zu wollen. Dieses Signal begrüßen wir ausdrücklich.
Das Kapitel des Bebauungsplanverfahrens ist aus Sicht vieler Bürgerinnen und Bürger kein gelungenes Beispiel dafür geworden, wie Beteiligung Vertrauen schaffen und gemeinsames Handeln ermöglichen kann. Umso gespannter sind wir, welches neue Kapitel nun beginnen kann.
Mit freundlichen Grüßen
Der Vorstand
UferLeben Störmthaler See e.V.