Mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten für die junge Generation an der Seenentwicklung im Leipziger Neuseenland

Artikel im LIZ-Wortmelder vom 06.September 2020

Wie kann die junge Generation an der Entwicklung der Seen im Leipziger Neuseenland partizipieren? Diese Frage stellt sich aktuell in mehreren Beteiligungsprojekten am Störmthaler See. Der Nutzungsdruck auf die Seen im Leipziger Neuseenland wächst zunehmend. Speziell am Störmthaler See wird in der Gemeinde Großpösna aktuell die Flächenvergabe vorangetrieben: ein Helmholtz-Zentrum, ein universitäres Sportzentrum und ein inklusiver Campingplatz betrieben durch das DRK sind bereits in konkreter Planung.

Doch wie wird konkret die Beteiligung der jungen Generation ermöglicht? Viele Kinder, Jugendliche und Familien nutzen den Störmthaler See. Trotzdem sind für die junge Generation bisher keine geeigneten Beteiligungsverfahren vorgesehen, noch zeichnen sich Flächen für Kinder und Jugendliche zum Mitgestalten am See ab. Dabei sieht die Sächsische Gemeindeordnung die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen explizit vor.

‚PartiZirkussion – Kinder gestalten Zukunft für Kinder‘ – der Verein UferLeben e.V. fordert, die junge Generation an der Planung und Umsetzung von Kinder- und Jugendarealen an den Seen zu beteiligen. 

„Die Gemeinde soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen. Hierzu soll die Gemeinde geeignete Verfahren entwickeln und durchführen.“, steht in §47a SächsGemO geschrieben. Das Deutsche Kinderhilfswerk forderte 2019 bereits eine Stärkung der Beteiligungsrechte für Kinder und Jugendliche in Sachsen.

Der Vergleich mit den gesetzlichen Bestimmungen in anderen Bundesländern zeigte, dass der Partizipation von Kindern und Jugendlichen oftmals nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird (LIZ berichtete am 03.04.2019).

Aktuelle Beteiligungsverfahren für Kinder und Jugendliche ungeeignet

Prinzipiell scheint die Kommunalpolitik an einer Verbesserung der Bürgerbeteiligungsmöglichkeiten interessiert zu sein. So hat Großpösna 2018/2019 als eine der ersten Gemeinden Sachsens eine eigene Leitlinie zur Bürgerbeteiligung entwickelt. Zwei Beteiligungsverfahren sind bereits aktiv, eines zur Entwicklung der Magdeborner Halbinsel und eines zur Entwicklung eines Strandbades und Inklusionscampingplatzes am Südufer des Sees. Jedoch sind beide Verfahren in ihrem Format nicht für Kinder und Jugendliche geeignet.

In der Bürgerumfrage aus dem Jahr 2019 zur Entwicklung der Magdeborner Halbinsel fanden Kinder- und Jugendinteressen kaum Beachtung. Eine Beteiligung von Kindern unter 14 Jahren war in dem vom Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen“ geförderten Beteiligungsprojekt erst gar nicht vorgesehen. Zwar konnten Jugendliche ab 14 Jahren an der Beantwortung des für Erwachsene ausgelegten Fragebogens teilnehmen, jedoch nutzten nur 34 Jugendliche im Alter unter 18 Jahre diese Möglichkeit. In der Auswertung und Veröffentlichung der Daten werden zu den Bedürfnissen der jungen Generation keine gesonderten Ergebnisse herausgearbeitet.

In dem anderen Beteiligungsverfahren zur Entwicklung des Südufers des Störmthaler Sees wurde ein Projektbeirat einberufen, ein Vertreter der speziell Kinder- und Jugendinteressen vertritt, findet sich in diesem Gremium nicht. Auch die überregionalen Zukunftswerkstätten der Innovationsregion Mitteldeutschland verblieben 2019/2020 im Zuge ihrer Leitbilderstellung ohne kinder- und jugendgerechten Zugang.

Geeignete Projektideen zur Kinder- und Jugendbeteiligung bleiben ungenutzt

Dass eine Beteiligung im Kinder- und Jugendalter mit geeigneten Methoden möglich und sinnvoll ist, zeigt das Sommerferienprojekt 2020 des Verein UferLeben Störmthaler See e.V. „PartiZirkussion – Kinder gestalten Zukunft für Kinder“ unter der Begleitung des unabhängigen Bildungskollektives Verlernen e.V. Umso mehr verwundert es, dass dieses vorausschauend geplante Kinderpartizipationsprojekt eine Ablehnung durch die Projektgruppe Bürgerbeteiligung der Gemeinde Großpösna erfahren hat.

Bereits im Jahr 2019 signalisierte der Verein UferLeben e.V., sich um eine Förderung für ein Projekt zur Beteiligung für Kinder und Jugendliche zu bemühen. Nachdem im Februar 2020 klar war, dass die Bundesvereinigung für Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) e.V. eine Projektförderung über das Programm ‚Künste öffnen Welten‘ für 2020/21 bewilligt hatte, wurden die Verantwortlichen des Bürgerbeteiligungsprojektes der Akademie für lokale Demokratie (ALD) e.V. und die Gemeindeverwaltung umgehend informiert.

Trotzdem erfolgte im Juni 2020 die Entscheidung, das UferLeben-Kinderpartizipations-Projekt nicht in den laufenden Bürgerbeteiligungsprozess zu integrieren. Als Begründung wurde der 6 Monate betragende Vorlauf als zu kurz eingeschätzt (ALD e.V.) und zum anderen wolle man den Kindern keine falschen Hoffnungen machen, die hinterher zu Enttäuschungen führen (BM Dr. Lantzsch). Ein Gemeinderatsmitglied der CDU war sogar besorgt, dass der Verein UferLeben e.V. mit seinen ‚extremen Ansichten‘ das Projekt instrumentalisieren könnte.

Der Verein UferLeben e.V. setzt sich seit 2017 für Bürgerbeteiligung und eine naturnahe Entwicklung am Störmthaler See ein. Das Vereinsengagement nahm der Deutsche Naturschutzring, Dachverband der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen, zum Anlass, UferLeben e.V. als Vorzeige-Initiative in seinen Agenda2030-Bericht ‚So geht Nachhaltigkeit‘ von 2018 aufzunehmen.

Im Rahmen seiner Kinder- und Jugendbildungsarbeit entwickelte der Verein in Kooperation mit dem Leipziger Zirkusverein Zirkomania e.V. und der Naturförderungsgesellschaft Ökologische Station Borna-Birkenhain e.V. ein neuartiges Konzept zur Verknüpfung von natur- und umweltpädagogischen Inhalten mit zirkuspädagogischen Methoden. Dieses innovative Konzept des Natur- und Umweltzirkus NAUMZI wurde bereits mehrfach prämiert und kürzlich in ‚Bildung Macht Zukunft: Lernen für die sozial-ökologische Transformation‘ publiziert.

Die Projekte ‚So ein Zirkus um die Kohle‘ (2018), ‚CoalDance‘ (2019) und ‚Sunday for Future‘ (2019) haben überregionale Aufmerksamkeit erzielt. Leider begegnet die Großpösnaer Kommunalpolitik der nachhaltigen Progressivität des Verein UferLeben e.V. vorrangig mit Skepsis und Ablehnung. Stattdessen wäre es in den aktuellen Beteiligungsverfahren sinnvoll, mögliche synergistische Effekte zu nutzen.

Kinder- und Jugendbeteiligung in Eigeninitiative mit Bundesförderung

Trotz Ausgrenzung aus dem offiziellen Bürgerbeteiligungsprozesses hielt Uferleben e.V. in Eigeninitiative und mit finanzieller Unterstützung durch Mittel aus dem Bundesprogramm ‚Künste öffnen Welten‘ (BKJ e.V.) an der Beteiligungsmöglichkeit für Kinder und Jugendliche fest. Nachdem die Gemeindeverwaltung daraufhin die Projektveranstalter aufforderte, den Bezug zum offiziellen Beteiligungsverfahren Magdeborner Halbinsel aufzulösen, musste das Projekt kurzfristig inhaltlich umgeplant werden.

Das Zielobjekt wurde daraufhin eine fiktive Insel, welche die 52 teilnehmenden Kinder und Jugendlichen mit eigenen Ideen gestalten konnten. In den Workshops „Partizipa… Was?“ vermittelten die Referentinnen für politische Bildung Leah Borghorst und Julia Messerschmidt von Verlernen e.V. spielerisch und humorvoll die Grundlagen zum Thema Beteiligung. Eltern berichteten zur Abschlussveranstaltung, dass ihre Kinder nicht nur das schwierige Wort Partizipation aussprechen konnten, sondern sogar erklären konnten, was dieses bedeutet.

Zusätzlich wurden die Bedürfnisse und Ideen der Kinder in Bezug auf die Entwicklung am See aus ihrer Altersperspektive herausgearbeitet. Besonderen Spaß bereitete den Teilnehmenden die Ideenauktionen. Neben anderen Methoden der partizipativen Bildungsarbeit diente die Ideenauktion zur Selektion von bedeutsamen Ideen.

Durch Ersteigern von Ideen- und Wunschkarten konnten die Kinder Ihre vordergründigen Bedürfnisse sichtbar machen. Am beliebtesten war dabei der Wunsch nach der Begegnung mit Tieren. Als weitere Bedürfnisse ergaben sich Orte für kreative Bewegung, z.B. Zirkusdisziplinen, Klettern, Wasserspiele, etc. sowie Orte zum Treffen und Übernachten mit Freunden in originellen Behausungen, z.B. Baumhäuser, Zirkuswägen, u.ä.. Aus den vielfältigen Ideen inszenierten die TeilnehmerInnen ihre Zirkusnummern.

Coronabedingt wurde die Abschluss-Show überwiegend an der frischen Luft im Ortsumfeld von Dreiskau-Muckern veranstaltet. Das Publikum wurde auf die Piratinnen-Insel Edmanolojali Island entführt. Die Requisitengruppe baute ein Wolkenschiff, welches die Zirkusreisenden von Edmanolojali Island über mehrere Zirkusstationen, Luftartistik, Zauberei, Jonglage, einer Zwergengruppe und Clownerie zurück in die Realität eines irdischen Zirkuszeltes führte.

„Es erstaunt, wie kreativ die Kinder inhaltlich schwierige und komplexere Themen mit ihren Zirkusnummern verknüpfen.“ freut sich die künstlerische Projektleiterin Stephanie Lehmann von Zirkomania e.V. über die gelungene Abschlussveranstaltung.

Kommunale Entscheidungsträger in der Pflicht

Mit den Ergebnissen dieses Projektes möchte UferLeben e.V. mit NAUMZI und den Ideen der Kinder nun erneut auf die Gemeindeverwaltung Großpösna zugehen und nach einer nutzbaren und selbst gestaltbaren Fläche am Störmthaler See fragen. Zwei schriftliche Anfragen an Großpösnas Bürgermeisterin Frau Dr. Lantzsch vom Mai und Juli 2020 zur Flächennutzung für den Natur- und Umweltzirkus NAUMZI verblieben bisher unbeantwortet.

Umso bedauerlicher ist auch, dass bis auf Vertreter der Grünen und der AfD keiner der eingeladenen Kommunalvertreter die Gelegenheit der Abschluss-Show nutzte, um sich über die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zu informieren. Da bereits die Vergabe von Flächen am Störmthaler See begonnen hat, möchten der Verein die Gemeinde Großpösna auffordern, jetzt Flächen für Kinder und Jugendliche einzuplanen, die diese selbst dynamisch gestalten können.

Für Kinder, Jugendliche und jungen Menschen ist die Beteiligung an Prozessen mit hohem planerischem und finanziellem Aufwand erfahrungsgemäß schwierig. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass Kinder und Jugendliche an den Seen das Nachsehen haben. Hier müssen die Entscheidungsträger Lösungen für die Beteiligung der jungen Generation am Störmthaler See und an den anderen Seen des Leipziger Neuseenlandes finden.

Von Erwachsenen geplante und umgesetzte Spielplätze sind zwar gut gemeint, jedoch können Kreativität, Begegnung und Bewegung sowie vielfältige Kompetenzen durch eine direkte Beteiligung der Kinder noch besser gefördert werden. Der Verein UferLeben e.V. und seine Partner Zirkomania und die Ökostation Borna-Birkenhain haben mit dem in den letzten 3 Jahren entwickelten NAUMZI-Konzept einen guten Ansatz, ein partizipatives, dynamisch-experimentelles Kinder- und Jugendareal zu betreiben.

Unterstützung erhält die Initiative dabei von Andreas Rauhut vom Kinder- und Jugendring Leipziger Land e.V.: „Der Jugendring unterstützt sehr gerne das Anliegen für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der weiteren Gestaltung des Störmthaler Sees. Die sächsische Gemeindeordnung bietet mit dem §47a dafür den geeigneten Rahmen. Gerade das kreative Potential der Jugendlichen bei so einem Camp sollte gewinnbringend für alle Seiten genutzt werden.“

Auch zum Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, welches eine neue Forschungseinrichtung auf der Magdeborner Halbinsel plant, gibt es bereits Kontakte und positive Rückmeldung: „Wir unterstützen deutschlandweit Kinder- und Jugendbildungsprojekte im Umweltbereich und würden uns freuen, wenn wir hier auf der Magdeborner Halbinsel lokal verknüpfte Partner finden.“ unterstützt Prof. Teutsch, Leiter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, die Ambitionen von NAUMZI.

Die aktuelle Planungssituation am Störmthaler See und der Umgang mit dem Projekt „PartiZirkussion – Kinder gestalten Zukunft für Kinder“ signalisieren, dass den aktiven Beteiligungsmöglichkeiten der jungen Generation an der Seeentwicklung bisher zu wenig kommunalpolitische Beachtung und Unterstützung zukommt.

Die Kinder und Jugendlichen am Störmthaler See, UferLeben e.V. und seine NAUMZI-Partner hoffen nun, dass ihre Beteiligungsversuche und die eigene Umsetzungsidee am Störmthaler See zukünftig von kommunalen Entscheidungsträgern mehr Akzeptanz und Unterstützung erfahren.