Zivilgesellschaftliches Engagement trägt Blüten

Der streng geschützte Raubwürger bezieht sein Winterquartier in der StattErnte Fläche 

Eine Landwirtin aus Dreiskau-Muckern schuf mit StattErnte 2021 eine in diesem Jahr auf 10 ha anwachsende, mehrjährige Blühpatenfläche auf Ackerland. Das Projekt trug nun schon nach 6 Monaten eine außergewöhnliche Blüte im Sinne des Artenschutzes. Seit letztem Herbst wurde wiederholt ein Raubwürger (Lanius excubitor Linnaeus) in der StattErnte-Fläche zwischen Dreiskau-Muckern und Pötzschau gesichtet. Der Raubwürger ist ein amselgroßer wunderschöner Vogel aus der Gattung der Sperlingsvögel innerhalb der Familie der Würger. Trotz seines kräftigen Hakenschnabels und seiner fleischfressenden Vorlieben zählt der Raubwürger zu den Singvögeln. Teil seiner Jagdtaktik ist es, die Stimmen von Beutevögeln zu imitieren und sie dadurch in den Hinterhalt zu locken. Neben Kleinvögeln erbeutet er auch Mäuse, Eidechsen, Frösche und Insekten. Der Familienname Lanius weist auf die dunklere Seite des schillernden Vogels hin und bedeutet im lateinischen soviel wie Metzger oder Fleischer. Dies verweist auf die überwiegend carnivore Ernährungsweise der Würger und gleichzeitig auch auf die Eigenschaft des Vogels, die Beutetiere auf Dornen aufzuspießen bzw. in Astgabeln einzuklemmen. Dies erfolgt zum einen zur Lagerung von Nahrung, zur Werbung von Partnerinnen, aber auch zur schnabelgerechten Zerlegung der Beute. Dies ist notwendig, da es dem Singvogel im Gegensatz zum Greifvogel an kräftigen Klauen fehlt und er in Folge die Dornen oder Astgabeln als Widerlager bei der Zerteilung der Beute benötigt.

Raubwürgergelege auf Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide Foto: Torsten Beuster

Im Herbst fiel uns der Raubwürger erstmalig auf einem Tripoden (siehe unten) im Gemeinschaftsgarten Dreiskau-Muckern, der innerhalb der StattErnte-Fläche liegt, auf. Auf seinem Ansitz konnten wir wiederholt den Raubwürger sehr gut in seiner Rolle als einsamer Jäger, Beobachter und Wächter wahrnehmen. Beim Anblick eines Greifvogels oder anderen Störungen gibt er einen dem Eichelhäher ähnlichen Alarmruf ab. 

Mit 150-250 Brutpaaren ist der Raubwürger in Sachsen als stark gefährdet und deutschlandweit als akut vom Aussterben bedroht eingestuft. Ursache für den zunehmenden Rückgang der Art ist, wie so häufig, der Verlust des Lebensraumes durch Strukturverarmung des Agrarraumes, Vernichtung der letzten strukturreichen Lebensräume durch Bebauung und natürliche Sukzession von Brachflächen (Bergbaufolgelandschaft, Truppenübungsplätze). Der Nachweis der Art ist, wie in unserem Fall, im Winterhalbjahr leichter als in der Brutzeit. In der kalten und durch einen Mangel an Blattwerk deckungsarmen Jahreszeit ist es relativ einfach, den Raubwürger in seinem Revier zu studieren. Die Männchen überwintern in unseren Breiten häufig in der Nähe ihrer Brutreviere. Konsekutiv können Winterbeobachtungen ein Hinweis auf ein lokales Brutvorkommen geben. Das Brutrevier hat eine Größe von 20 bis 100 ha und der Aktionsradius beträgt bis zu 2km. Als Lebensraum benötigt der Würger eine halboffene, strukturreiche Landschaft mit Gehölzgruppen und Einzelgehölzen im Offenland. Vom Tripoden bis zum bedrohten Schilfgürtel am Störmthaler See sind es 1400 m. Rings um Dreiskau-Muckern und natürlich auch am Störmthaler See ist die Landschaft noch sehr strukturreich und bietet dem Raubwürger einen idealen Lebensraum mit dornigen Schlehen-, Weißdorn- und Sanddornbüschen und alten Streuobstwiesen als Neststandort und Offenland als Jagdrevier.

„Nur wer die Natur kennt, wird sie schützen´´ Heinz Sielmann

Der Raubwürger steht exemplarisch für eine Vielzahl von bedrohten Arten, die ihre Heimat in der Tagebaufolgelandschaft gefunden haben. Häufig hört man von öffentlicher Hand, dass diese Landschaft „künstliche Natur´´ und in Folge minderwertig sei. Dies ist ein großer Trugschluss. Die Häufung von andernorts längst ausgestorbenen Arten ist ein wissenschaftlich belegter Fakt, der unter anderem im Buch „Expedition Artenvielfalt´´ von Hannes Petrischak sehr anschaulich beschrieben wird. 

Ansitz des Raubwürgers auf Obstbaum neben StattErnte Fläche Foto: Bettina Achilles 

Die artenreiche und zum Teil noch unberührte, aber in Teilen nun akut durch Baumaßnahmen bedrohte Tagebaufolgelandschaft im Leipziger Neuseenland sollte als Juwel, das sie ist, mehr geschätzt und besser geschützt werden. 

Projekte wie StattErnte sind zu begrüßen und sollten sich auch landesweit ausbreiten, jedoch können damit nur Bruchteile der täglich verschwindenden Lebensräume kompensiert werden. Es geht nicht um Ausgleichsflächen, sondern bedrohte Lebensräume sollten einfach nicht mehr bebaut, sondern geschützt, vergrößert und untereinander vernetzt werden. Sachsen ist bundesweites Schlusslicht im Anteil der Naturschutzgebiete bezogen auf die Landesfläche. Mit 3% liegt Sachsen sogar 50% unter dem Bundesschnitt. Die EU-Biodiversitätsstrategie hat sich zum Ziel gesetzt, 30% der Landmasse bis 2030 zu Schutzgebieten zu erklären. Wie will Sachsen dieses Ziel mit einer weiteren Verbauung der letzten unberührten Natur erreichen? 

Schaut man in den Landkreis Leipzig, sieht man diesbezüglich keine Tendenzen, sondern eher ein fröhliches „Weiter so´´. Am Störmthaler See soll mit 22 Mio. € aus dem Strukturwandeltopf mit einem deplatzierten Bauprojekt 30ha strukturreicher Lebensraum zerstört werden, neben dem FFH Gebiet Bockwitzer See bei Borna soll ein Surfpark für 250.000 jährliche Besucher entstehen und das einmalige Holzberg-Biotop bei Wurzen soll unter Bauschutt verschwinden. 

„Wildnis ist nicht nur in den weiten Wäldern Russlands, den afrikanischen Savannen oder tropischen Regenwäldern wichtig. Wir müssen auch hier in Mitteleuropa die Verantwortung übernehmen, um letzte Reste wilder Landschaften und neue Wildnis zu schützen.“ Dr. Heiko Schumacher Fachbereichsleiter Biodiversität der Heinz-Sielmann-Stiftung.

Tripode mit Raubwürger im Gemeinschaftsgarten neben StattErnte Fläche Foto: Stephan Schürer